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Vom Jazzdiskurs zum OstseeJazz
[Jazz auf der Sonnenseite]

Jens Bosecker

Jazz in Rostock hatte vor allem zwei Seiten: Zum einen war da die bemerkenswerte Rolle für den "Jazz aus der DDR". "Das ist sowas wie ein Markenzeichen", meinte der Güstrower Ernst-Ludwig Petrowsky 1983 in einem Interview. Und vergaß nicht: "Darauf sind wir auch stolz." Rostock hatte einen nicht unerheblichen Anteil daran, daß sich im kleinen ostdeutschen Land seit den Siebzigern eine rege Szene entwickelte, die allerorts mit Erstaunen und Respekt zur Kenntnis genommen wurde. Ob die relative Eigenständigkeit von den großen amerikanischen Vorbildern dabei eine bewußte Entscheidung (wie Petrowsky damals meinte) oder schlichte Einsicht in die bestehenden Verhältnisse war, sei dahingestellt. Am 31. Januar 1973 jedenfalls gab es in Rostock - nachdem in den Jahren vorher Jazzdiscos und Vorträge (der legendäre Werner Sellhorn war Stammgast) die Szene bestimmten - den ersten "Jazz-Diskurs". 80 Besucher sahen Ernst-Ludwig Petrowsky, Conny Bauer und Günther Sommer. Aus heutiger Sicht ein sehr glücklicher Auftakt, zählen doch alle Musiker heute zu den gestandenen Größen in diesem Land.

So kam zum "Jazz-Diskurs" - den kleinen Clubkonzerten für den engeren Fankreis - bereits im Sommer 1973 der OstseeJazz, das jährliche Highlight der regen Gemeinde um die AG Jazz, die sich unter dem Dach des Filmclubs organisiert hatte. Hier konnten sich über tausend Besucher für zeitgenössischen Jazz begeistern. Natürlich gab es dabei in Rostock Parallelen zu den anderen Jazzhochburgen der DDR. Ähnlich wie in Leipzig oder Berlin konzentriertee man sich anfangs - in den Siebzigern - vorwiegend auf die eigenen Künstler, entwickelte künstlerische Kreativität und Selbstbewußtsein - und lud, wenn überhaupt, vorwiegend osteuropäische Gäste ein. Mit dem Ende der Siebziger kam es allerdings zu einer Öffnung. Zunehmend wurden westeuropäische Musiker eingeladen. Deren Auftritte verschafften der gesamten DDR-Jazzszene einen neuen Zulauf an - mehrheitlich jugendlichen - Fans. Denn in kaum einem anderen kulturellen Bereich war es möglich, derart hochklassige internationale Stars live, aus nächster Nähe, zu sehen. John Tchical, Peter Brötzmann, Charlie Mariano, Alexander von Schlippenbach, Dino Saluzzi, George Gruntz, Etta Cameron, Willem Breuker oder Fred van Hofe sorgten in Rostock für begeisterte Stimmung und internationales Flair.

Aber gerade der OstseeJazz hatte noch mehr zu bieten. Wo sonst in der DDR ließ sich ein Jazzfestival unter derart entspannenden Bedingungen durchführen? Nicht wenige lockere Gespräche, die Künstler und Veranstalter bei einem Spaziergang auf der Warnemünder Mole führten, mündeten später in handfeste musikalische Projekte. Bevor man sich am Abend zum Konzert und zu den zahlreichen und legendären Nachtsessions begab, konnte man am Strand liegen, baden und sich sonnen. OstseeJazz war Kultur von der sonnigsten Seite.

In der geduldigen Nische zwischen offiziellem Kulturverständnis und Undergroundgestus hätte es so sicher noch eine ganze Weile weiterlaufen können. Aber das Volk war schneller als alle dachten, und schon das Festival von 1989 verlief in einer angespannten Atmosphäre, die auch bei den abendlichen Konzerten spürbar war. Dann kam der Wendeherbst und ein Jahr später war sowieso alles anders. Das Hauptproblem war auch gleich das erste: Geld. Denn dieser OstseeJazz fiel genau in die Zeit der Währungsunion. 40 DDR-Mark kostete ein Festivalpaß noch im Vorverkauf, bevor die D-Mark dafür sorgte, daß man "West"-Künstler endlich so bezahlen konnte, wie sie es gewohnt waren. Aber nicht nur im - auf diese Weise - internationaler gewordenen Programm machten sich die neuen Zeiten bemerkbar. Insgesamt wurde es immer schwieriger, ein ausreichend großes Publikum zu begeistern. Mit dem Einzug der kulturellen Normalität drohte auch der OstseeJazz wieder in die elitäre Nische zu geraten. Um das Festival unter diesen Bedingungen weiterzuführen und mit neuem Leben zu erfüllen, gründete sich die Jazzinitiative 1991, die sich wiederum beim Filmclub ansiedelte. Das Programm versuchte die Gratwanderung zwischen Free-Jazz-Traditionen und mehrheitsfähigem Fusion Jazz. Jazzgrößen wie Jan Garbarek, John McLaughlin, Betty Carter, um nur einige zu nennen, gaben sich in den Folgejahren beim Rostocker Jazzfestival die Ehre.

Mit neuer Werbungsstrategie und neuen Sponsoren kam das traditionelle Jazzfestival ins 25ste Jahr, und ist doch nichts so einfach auf dieser Welt - der OstseeJazz hält sich auf der Sonnenseite. All denen soll gedankt sein, die auf irgendeine Weise an Gestaltung und Durchführung der Rostocker Jazztage, welche sich schließlich zum Jazzfestival mausern sollten, beteiligt waren und natürlich auch allen neuen Enthusiasten, die diese Tradition zur Freude aller Jazzliebhaber bis ins neue Jahrtausend getragen haben.

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